Logistikwissen zum Durchstarten

Gunnar Basner, Gründer und CEO von Pitchyou
Gunnar Basner, Gründer und CEO von Pitchyou
PitchYou-Gründer Gunnar Basner will die Bewerbung so einfach wie möglich machen.
© PitchYou
Bewerbung: WhatsApp statt Mappe
Von Sven Bennühr

Über 60 Prozent der Logistikunternehmen sehen in diesem Jahr die Fachkräftegewinnung als wichtigstes Thema an. Das hat eine nicht repräsentative Umfrage der DVZ in den sozialen Medien ergeben. Eine Lösung, den Weg ins Unternehmen zu ebnen, könnte sein, die noch existierenden Hürden im Bewerbungsprozess abzubauen. Doch wie lässt sich dann eine qualifizierte Auswahl treffen? Gunnar Basner, Gründer des Leverkusener Start-ups PitchYou, hat da eine Idee.

Blue Rocket: Die Logistik gilt zwar als Branche mit Zukunft, tut sich aber immer schwerer, neue Mitarbeitende zu finden. Warum funktionieren „klassische“ Bewerbungswege nicht mehr?

Basner: Interessenten möchten sich schnell, einfach und direkt bewerben. Dazu passen die klassischen Wege nicht mehr: Stichworte wie „Anschreiben, Benutzerportale mit Login oder Online-Fomulare“ waren zwar komfortabel für Unternehmen, aber nicht nutzerfreundlich. Angesichts des Fach- und Arbeitskräftemangels haben diejenigen in der Logistik nun einen Wettbewerbsvorteil, die es Bewerbenden einfach machen, ihr Interesse zu bekunden und dabei noch eine positive Nutzer-Erfahrung schaffen. Hier kommen neuen Ansätze, wie zum Beispiel die Bewerbung per WhatsApp ins Spiel. Jobinterviews über diesen Kanal gehen schnell, sind einfach umzusetzen und sowohl Bewerbende als auch Recruiter haben den direkten Draht zueinander.

Viele Unternehmen der Transportbranche sind auf den verschiedenen Social-Media-Plattformen wie LinkedIn, Xing, Instagram oder Tiktok unterwegs und hoffen, über diese Wege potenzielle Bewerber für sich zu begeistern. Warum sollten sie jetzt auch noch WhatsApp einbinden?

Weil die Bewerbungsmöglichkeit über WhatsApp die logische Erweiterung dieser Kanäle darstellt: User nutzen Social Media meist über ihr Smartphone, sie sind direkt aufnahmefähig und – wenn sie auf die Stellenanzeige klicken – grundsätzlich interessiert. Diesen Vorteil sollten Unternehmen nutzen, indem sie auf eine Landingpage leiten, auf der die Fakten zur Stelle kurz aufgelistet sind und ein prominenter Button oder QR-Code direkt auf die Möglichkeit „Jetzt per WhatsApp bewerben“ hinweist. Darüber werden die Interessenten auf das WhatsApp ihres Smartphones weitergeleitet und können nach der Akzeptanz der Datenschutzerklärung sofort loslegen.

Wie darf man sich das konkret vorstellen?

Unsere Lösung zum Beispiel startet ein automatisiertes Frage- und-Antwort-Interview mit den Interessenten. Dabei ist es allerdings wichtig, dass das Interview unternehmens- und branchenspezifisch aufgebaut ist. Das heißt nichts anderes, als dass die HR-Experten der Unternehmen mit uns im Vorfeld die Fragen definieren, die im Screening-Prozess relevant sind.

Über spezielle Fragen, die PitchYou gemeinsam mit dem Auftraggeber erstellt, lassen sich Erfahrung und Eignung der Kandidaten:innen zuverlässig innerhalb kurzer Zeit ermitteln. Die Hürde für eine Bewerbung liegt damit besonders niedrig.

Über einen Messenger-Dienst können Unternehmen einen ersten Dialog führen, um zu prüfen, ob die Bewerber/innen geeignet sind. Aber das dürfte nur ein erster, oft oberflächlicher Eindruck sein. Wie kommt das Unternehmen an die Belege für die fachliche Eignung?

Wie tief der Eindruck ist, bestimmen die Logistikunternehmen selbst, denn diese kennen ihre Anforderungen und wissen, welche Fragen sie stellen wollen. Ist Berufserfahrung wichtig oder ein Staplerführerschein? Oder sollen neue Mitarbeitende auch bereit zu Schichtarbeit sein? Anhand dieser Informationen erstellen wir Screening-relevante Fragen für das Interview, fragen also genau das ab, was für die Einschätzung der Eignung der Interessenten notwendig ist. Und natürlich ist das mit der Option verbunden, dass die Bewerber bei Bedarf ihre Nachweise wie ein Selfie, einen Lebenslauf, eine Sprachnachricht oder ein kurzes Bewerbungsvideo hochladen zu können. Anhand der Angaben wird ein Match-Ranking der Interessenten erstellt. Die Erfahrung zeigt übrigens, die Reaktionszeiten der Interessenten kurz sind. Nehmen die Personaler per WhatsApp Kontakt auf, bekommen sie im Normalfall innerhalb von 5 bis 15 Minuten eine Rückmeldung.

Sie haben mit Rhenus, Schäflein und Metro Logistics die ersten Auftraggeber aus der Logistik gewonnen. Mit welchen Ansprüchen sind die Unternehmen an das Thema herangegangen?

Gerade die Transport- und Logistikunternehmen haben uns zurückgespielt, dass je nach Position ein vollständiger Lebenslauf nicht mehr zwingend notwendig ist – also blieb das Hochladen dieser Angaben nur eine Option. Das hat die Hürden für die Bewerber gesenkt. Bei allen Fragen des Interviews wird die Form der Dateneingabe vorgegeben, egal ob Selfie, Lebenslauf, Geburtsdatum oder Postleitzahl. Dabei prüft das System die gemachten Angaben und fragt bei Unklarheiten oder Falscheingaben aktiv nach. Die Erfahrung hat übrigens gezeigt, dass durchschnittlich 87 Prozent aller Kandidaten, die ein Interview starten, dies auch vollständig abschließen. Die Conversion Rate, also der Anteil derjenigen, die für das Unternehmen gewonnen wurden, liegt bei unseren Logistik-Kunden zwischen 15 und 30 Prozent.

Ein wichtiges Tool angesichts der notwendigen Fachkräfteeinwanderung ist die in PitchYou integrierte Übersetzungsautomatik. Mit welcher Zuverlässigkeit arbeitet das System und wie viele Sprachen werden abgedeckt?

Das System ist in der Lage, beim Start eines Job-Interviews zu erkennen, welche Sprache auf dem Smartphone der Bewerbenden eingestellt ist. Um Menschen aus anderen Ländern die Bewerbung einfach zu machen, werden die Fragen automatisch in die jeweilige Sprache übersetzt.

Eine Herausforderung für die Recruiter…

Ganz und gar nicht, denn die Antworten werden später in deren Sprache zurückübersetzt. Damit ist gewährleistet, dass es keine Sprachbarriere gibt. Das System arbeitet zuverlässig und beherrscht mittlerweile über 100 Sprachen. Diese Funktion findet übrigens bei unseren Auftraggebern aus der Logistik Anklang: Ein Unternehmen berichtete, dass gut 30 Prozent der Interviews in eine von 8 Sprachen übersetzen werden – und die Conversion Rate liegt bei  über 30 Prozent.

Welche Rolle spielt das Social-Media-Konzept des jeweiligen Unternehmens?

Zunächst sollten Unternehmen sich über die Recruiting-Strategie Gedanken machen und die Prozesse ganzheitlich aufsetzen. Dabei hilft ein konsequenter Fokus auf die Bedürfnisse der User. Die Unternehmen kennen Ihre Zielgruppe und wissen, wo diese zu finden ist. Wenn die Wunschkandidaten auf Social Media unterwegs sind, muss man hier Stellenanzeigen sehr aktiv bewerben und durch eine kurze, aufmerksamkeitsstarke und aktive Ansprache Interesse wecken. Wenn dann noch prominent erwähnt wird, dass sich Kandidaten auch über WhatsApp bewerben können, ist der Zuspruch über diesen Kanal entsprechend groß. Aber man muss man sich bewusst machen, dass auch die Bewerbung über WhatsApp „nur“ einen weiteren Kanal darstellt, über den man eine Bewerbung annehmen kann. Ein Allheilmittel für unklare oder überladene Bewerbungskonzepte ist es leider nicht.

Welche Möglichkeiten stehen für die Zukunft offen?

Besonders interessant ist die Weiterempfehlungsfunktion: Wenn sich Interessenten über das PitchYou-Interview beworben haben, erhalten sie kurze Zeit später die Nachricht, ob sie noch weitere potenzielle Kandidaten kennen und ihnen diese Stelle weiterleiten möchten. In einigen Fällen haben unsere Kunden bereits zwischen 15 und 20 Prozent an Weiterempfehlungen erhalten. Diese Zahl dürfte sich künftig aufgrund der Entwicklungen am Arbeitsmarkt und einem gezielten Recruiting im Ausland sicher noch erhöhen.

So funktioniert PitchYou

PitchYou und der Auftraggeber erstellen die Fragen für das Bewerber-Interview. Über einen Link in der Stellenausschreibung oder dem Scannen eines QR-Codes (scannen für ein Beispiel) springen die Kandidaten in die WhatsApp-Anwendung. Selfie und Video sorgen für den persönlichen Eindruck und durch Gamifikation-Elemente wird erreicht, dass ein Großteil der Bewerber das Interview komplett beendet.

Per QR-Code kommt man schnell und unkompliziert zum Job-Interview über WhatsApp.

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